Radikale Akzeptanz

Gott gebe mir die Gelassenheit,

Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,

den Mut,

Dinge zu ändern, die ich ändern kann,

und die Weisheit,

das eine vom andern zu unterscheiden.

Mir fehlt die Gelassenheit. Ich will ein normales Leben! Ich will nicht lernen, mit den Folgen von sexuellem, körperlichem und emotionalem Missbrauch in meiner Familie zu leben. Ich will diese Folgen los sein. Ich will keine beschissenen Stimmungsschwankungen, erhöhte Stressanfälligkeit, depressiven Abstürze, Angstattacken, Sucht, Flashbacks, niedriges Selbstwertgefühl… Es ist nicht fair, dass ich dafür zahle, was mir angetan wurde.

Und es ändert nichts, dass ich wüte und schreie und weine. Der Skill, den wir dazu in meiner DBT-Gruppe (Dialektisch-Behaviorale Therapie) gelernt haben, heißt Radikale Akzeptanz. Dinge, die ich nicht ändern kann, anzunehmen. Ich kann lernen, mit den Folgen immer besser zurecht zu kommen. Ich tu das jetzt schon wie viele Jahre? Und wie viele Jahre werde ich damit noch verbringen? Oh ja, es ist besser. Ich kann meine Wohnung fast immer verlassen. Ich kann nachts weggehen. Ich schmeiße mich nicht mehr jedem Mann an den Hals, nur um nicht allein zu sein.

Aber manchmal sehe ich wie das Leben sein könnte und ich habe das Gefühl, das werde ich nie haben. Ich sehe all die verschwendete Zeit. Aber jetzt renne ich mir den Kopf an Mauern ein und das ist nichts anderes als wieder Zeit zu verschwenden.

Kennt ihr das Gefühl, dass das Leben an euch vorbeizieht, dass ihr nicht daran teilnehmen könnt? Wie weh das tut? So fühl ich mich. Ich will leben. Ich will Liebe erleben. Ich will Angstfreiheit erleben. Ich will, dass diese Leere in mir sich endlich füllt. Ich will, dass das Gefühl aufhört, haltlos durch mein Leben zu treiben.

Der einzige Weg dahin ist der schwierige, den ich gehe. Nachdem ich geweint und geschrien habe, werde ich ihn weitergehen. Und das Gefühl, lebendig zu sein, wird wiederkommen, auch bevor ich “gesund” oder “normal” bin.

About these ads

Ein Gedanke zu „Radikale Akzeptanz

  1. Zwar musste ich keinen sexuellen Mißbrauch erleben, aber ich kenne zumindest dieses Gefühl, dass man keine Lust mehr auf seine Päcken hat, die man micht sich rumschleppt. Dass man es einfach alles satt ist und einfach mal normal sein will, normale Dinge genießen will…. Was bleibt uns anderes übrig als das, was du gesagt hast? – Schreien, heulen, wüten und wütend sein und dann wieder auf den eigenen Weg zurück gehen.
    Ich wünsche dir ganz viel Kraft….

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s